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Kulturentwicklung live oder Laufstegökonomie: Warum das Internet immer noch unsinnigen Widerspruch provoziert

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Wenn digitale Welt und analoges Denken aufeinanderprallen treibt das mitunter skurrile Blüten. Derzeit drängt Hirnforscher Manfred Spitzer mit abstrusen Thesen in die Öffentlichkeit und plädiert dafür, TV und Computer zu verbannen, damit die deutsche Bevölkerung nicht in 30 Jahren die T-Shirts für China nähen muss. Der Medienlotse entgegnet diesen schlichten und simplifizierenden Aussagen mit einer harschen, aber dennoch gehaltvollen Replik.

In meinen Kindertagen gab es ein „Lustiges Taschenbuch“ aus dem Hause Disney, welches mich besonders fasziniert hat und bis heute nicht mehr loslässt (weil ich es nicht mehr besitze und auch nicht weiß, wie es heißt und obendrein noch unsicher bin, ob mir mein Gehirn nicht einen üblen Streich spielt). Darin ziehen Dagobert Duck und sein Rivale Klaas Klever in Entenhausen ein Computernetz auf, so dass die Bewohner untereinander kommunizieren können. Die Entenhausener gehen enthusiastisch auf das Angebot ein, ordern Pizza per PC, telefonieren am Computer und erledigen auch ihre Arbeit praktischerweise von zu Hause. Dies alles erinnert doch ziemlich stark an unsere heutige, vernetzte Welt und die Autoren müssen geradezu prophetische Kräfte gehabt haben, um dieses Szenario zu zeichnen. Im weiteren Verlauf der Geschichte fällt aber das Stromnetz aus und die Computer sind nicht mehr zu gebrauchen. Den Bürgern von Entenhausen fällt es sichtlich schwer, wieder auf die Straße zu gehen und die elementarsten Aktionen (miteinander sprechen, einkaufen, zur Arbeit fahren) zu vollziehen.

Wäre dieses Szenario Realität, müsste Spitzer mit seinen hervorragend vermarktbaren Kassandrarufen unbedingt Gehör finden, doch das Gegenteil ist der Fall. Das Internet ist nicht nur der größte Wissensspeicher der Welt, sondern bietet auch mannigfach konkrete Anleitungen (vom Bombenbau über das Backen von Kuchen bis hin zum Parkettverlegen), die es selbst Laien erlauben, zu Produzenten zu werden. Von daher ist an der These Spitzers, dass eine intensive Internet-Nutzung zur Verkümmerung von Gehirnleistungen führen wird, völlig aus der Luft gegriffen, denn nur weil ich einen Fahrplan nicht mehr im Bahnhof, sondern im Internet studiere, heißt es noch lange nicht, dass ich nicht mehr weiß, wo der Bahnhof überhaupt ist. Darüber hinaus ist das Internet auch eine immense Partizipationsmaschine und verhilft Menschen, die aufgrund ihrer ökonomischen Grundlagen nur schwerlich Zugang zu hochklassiger Bildung haben durch E-Tutorien und Online-Kursen zur Teilhabe. Aber warum sollten Menschen wie Hirnforscher oder publizistische Kritiker auch genau hinschauen, wenn sich der einmal aus der Büchse der Pandora geholte Dämon doch so schön verdammen und zu Geld machen lässt.

Spitzer und Co. müssten eigentlich ganz genau wissen, dass nicht die Inhalte die diskussionwürdige Kehrseite des Internets bilden, sondern in Wirklichkeit die Vermittlung von Medienkompetenz das große Thema ist. Nur wer weiß, wo er sich bewegt und Erfahrungen sammelt, kann auch bestimmen, wohin er sich bewegt. Diese Art von Kompetenz wird aber nicht erreicht, wenn TV oder Internet einfach aus dem Kinderzimmer verbannt werden (was zu begrüßen ist) und in der Mottenkammer verschwinden (das jedoch nicht). Gerade für Jugendliche wird es immer wichtiger, mit den gängigen PC-Programmen frühzeitig umgehen zu können und stets auf dem neuesten Stand der Entwicklung zu sein. Spitzer mag diese Form der Laufstegökonomie für verdammenswert halten, aber auch kein Wunder, denn als Vater muss er zu seinem Spross stehen, der für die Nichtbenutzung von Powerpoint in der Schule doch glatt eine Note abgezogen bekommen hat. Was sich diese Pädagogen heutzutage aber auch erlauben…

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: „Like“ über alles « Medienlotse

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