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Gelesen 2017

Wie schon in den drei vorherigen Jahren (2014, 2015, 2016), berichte ich in diesem (in lockerer Reihenfolge aktualisiertem) Artikel über meine private Lektüre. Ich würde mich freuen, mit meinen Kurz-Rezensionen Anstoß zur Diskussion zu geben und bin auch offen für weitere Literaturtipps. Sachbücher und digital inspirierte Bücher werden nach wie vor in eigenen Beiträgen verbloggt.

Das „Gelesen“-Konzept habe ich übrigens beim Hamburger Autor und Blogger Maximilian Buddenbohm gesehen, der allerdings etwas regelmäßiger als ich seine Lektüre im Netz vorstellt. Und bevor es nun losgeht sei noch gesagt, dass ich natürlich wie jedes Mal ein besonderes Augenmerk auf die ÜbersetzerInnen lege, da sie für den Lesegenuss oftmals genauso mitentscheidend sind wie das Talent der AutorInnen.

Kleiner Mann – was nun? – Hans Fallada
Verkäufer Johannes Pinneberg spürt die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise an jedem Monatsende in seinem Portemonnaie – und das Budget wird noch knapper, nachdem er eine kleine Familie zu ernähren hat. Täglich spürt er auf der Arbeit den Druck, feste Quoten für den Verkauf von Herrenbekleidung zu erfüllen, um überhaupt das Nötigste zum Leben zu haben. Es ist seine Frau „Lämmchen“, die mit unerschütterlichem Optimismus auch nach der Geburt des „Murkels“ die Familie zusammenhält und diese mit Putz- und Nähjobs in der kalten Gartenlaube vor den Toren Berlins über Wasser hält. Ihr Mann hat den Mut jedoch schon nahezu komplett verloren. Das alles hört sich ziemlich trist an, aber Fallada schafft es immer wieder, Lämmchens Pragmatismus bei der Bewältigung der mannigfaltigen Herausforderungen für das junge Paar durchscheinen zu lassen. Auch wenn die Welt Pinnebergs längst vergangen erscheint, ist die Kombination von prekären Beschäftigungen, überteuerten Wohnungen und dem Druck, bestimmte Summen für den Lebensunterhalt aufbringen zu müssen, auch in unserer Zeit keine Unbekannte. Interessanterweise verschenkt der Aufbau Verlag dieses Meisterwerk – übrigens nach dem erst 2016 wiedergefundenen Originalmanuskript  – an Kindle User.

 

The Forgiven – Lawrence Osborne
AutorInnen gelingt es mal mehr, mal weniger gut, zeitgenössisches Geschehen in ihre Werke einfließen zu lassen. Mit Grausen denke ich da etwa an Bodo Kirchhofs „Widerfahrnis“, in welchem sich ein alter weißer Mann auf eine Reise begibt und nach einigen romantischen Verirrungen schließlich (überraschend) mit der Flüchtlingskrise konfrontiert sieht. Etwas weniger mit dem Holzhammer ist Lawrence Osborne unterwegs, der das britische Ehepaar Jo und David Henniger durch die marokannische Wüste für ein exklusives Wochenende zu einem Great-Gatsby-artigen Anwesen lotst. Unterwegs werden beide in einen Unfall mit tödlichem Ausgang verwickelt, schaffen es aber noch in die sichere Heimstatt ihrer extravaganten Gastgeber. Unter dem genauen Blick der einheimischen Angestellten entfaltet sich über das Wochenende eine von der Außenwelt abgehobene und losgelöste Party, die erst wieder etwas in der Realität ihrer Umwelt ankommt, als der Vater des Verstorbenen mit seinen Stammesangehörigen vor der repräsentativen Pforte steht. Um Ärger zu vermeiden, überreden die Gastgeber David dazu, den Vater zur Beerdigung seines einzigen Sohnes in sein Heimatdorf zu begleiten. Der Arzt fürchtet um sein Leben und wappnet sich auf Anraten schließlich mit Geld, um seinem Schicksal zu entkommen. Nach dieser Abreise macht Osborne jedoch einige konventionelle Schwenks und die Story verflacht: Das Ende ist dann zwar mäßig überraschend, aber auch nicht sonderlich furios.

 

In SpurenHannes Köhler
Dieses Buch hatte ich gleich mehrere Jahre auf meiner Wunschliste. Und zunächst schien sich das Warten auch gelohnt zu haben, denn der Autor schafft es insbesondere auf den ersten Seiten ein Lebensgefühl zu beschreiben, welches spät-studentische, erste Berufserfahrungen sammelnde Menschen in der ersten Hälfte der Nullerjahre gesammelt haben dürften. Felix steht genau an dieser Lebensschwelle und verlässt eines Abends die Party – ohne jedoch zurückzukehren. Die Sorge seines besten Freundes aus Hamburger Kindertagen steigert sich schließlich zur Obsession: Jakob begibt sich erst mit Felix‘ Exfreundin in dessen alte Wohnung, um nach Spuren zu suchen. Als die Lektüre des Tagebuches jedoch keine Erkenntnisse bringt, schlüpft Jakob zunehmend in die Rolle seines alten Freundes – er schläft in dessen Bett, trägt seine Kleidung und will sogar an Felix‘ Stelle ein Bewerbungsgespräch bestreiten. Je mehr Jakob in das fremde Leben eintaucht, umso schemenhafter werden seine Person und sozialen Kontakte. Später meldet sich Felix mit kryptischen Postkarten aus Frankreich – aber es bleibt für die LeserInnen bis zum Schluß unklar, wohin sowohl seine Reise als auch die von Jakob führen wird. Nach dem guten Beginn leider ein wenig inspirierender Verlauf und ein unbefriedigendes Ende.

 

The WhistlerJohn Grisham (Original)
Ein wirklich untypischer Roman von John Grisham, handelt es sich hier doch eher um ein Korruptions- bzw. Kriminaldrama, welches zwar im juristischem Umfeld spielt, aber nicht – wie sonst üblich – einen Laien wie mich in den Lese-Sog brachte. Vielleicht liegt es daran, dass die Hauptperson Lacy Stoltz keine Juristin ist, sondern eine Beamtin, die in Florida Vorwürfen gegenüber Richtern nachgeht. Anders als üblich handelt es sich diesmal nicht um Alkoholmissbrauch oder ähnliche Vergehen, sondern um mafiöse Verwicklungen zwischen Justizangestellten und einem Indianer-Casino. Zwar sind alle üblichen Grisham-Zutaten (mysteriöser Informant, überraschende Ereignisse) vorhanden, aber es mag sich keine rechte Magie entfalten. Schade.

Auferstehung – Lew Tolstoi
Vordergründig geht es in „Auferstehung“ um die Katharsis des Adligen Nechljudow, der viele Jahre nach einer Vergewaltigung als Schöffe im Gericht sein Opfer vor der Anklagebank wiedersieht und aus Scham – erkannt zu werden – erneut gehörige Schuld auf sich lädt, indem er das Urteil zur Zwangsarbeit nicht genügend opponiert. Für den Vertreter der Oberschicht bildet dieser Tag eine Scheide zu seinem bisherigen Leben – er besucht nicht nur die Maslowa im Gefängnis und trägt ihr die Heirat an, um seine Schuld abzutragen, nein, er organisiert auch seine Besitztümer zu Gunsten der Bauern um.

Auf einer weiteren Ebene ist Nechljudow aber eben auch ein Repräsentant des herrschenden, zaristischen Systems in Russland, der zunehmend dessen offensichtliche Fehler und innere Fäule erkennt; dieses System gleichzeitig aber auch braucht, um es einem anderen Zustand zuzuführen. Darüber hinaus kristisiert Tolstoi – der in seinen offenen Romanen immer wieder seitenlang Stellung zu gesellschaftliche, religiösen und sozialen Fragen nimmt –  das bequeme Leben in der Stadt und setzt es in starken Kontrast zur Situation von Leibeigenen und Kriminellen. In dieser Hinsicht ist „Auferstehung“ hoch aktuell – Europa feiert sich beispielsweise für die Menschenrechte, Demokratie und unabhängige Justiz, baut aber an seinen Grenzen gleichzeitig Zäune, um Flüchtlinge abzuwehren.

In der Schlüsselszene des Werkes beobachtet Nechljudow einen Gefangenenmarsch, in dessen Verlauf zwei Häftlinge an Hitzschlag sterben. Offengründig ist kein begleitender Wärter oder Vorgesetzter daran Schuld, dennoch haben alle als Befehlsempfänger und kleine Rädchen im System ihren Teil zum Tod beigetragen. Hier nimmt Tolstoi ein Motiv aus „Krieg und Frieden“ auf und erweitert dieses um die Formulierung von moralischen Grundsätzen: Wer kein Gewissen zeigt, tötet. Und: Nichtstun führt zum Tod. Nechljudow schwankt immer wieder zwischen seinem alten, luxuriösen Leben und dem Elend der Gefangenen – am Ende sucht und findet er sein Heil in Gott.

Auch wenn die Lektüre von „Auferstehung“ länger gedauert hat als bei den anderen Werken Tolstois – es hat sich für mich allemal gelohnt. Wie in keinem anderen Buch vermag es der Autor (und somit auch Übersetzerin Barbara Conrad) in vielen eindringlichen Passagen, Leid und Luxus sowie Moral und Pflicht miteinander in Beziehung zu setzen. Wer das liest, kann nicht mehr die Augen vor der Welt da draußen verschließen oder andere Aufgaben vorschützen – ein starkes Plädoyer für mehr Menschlichkeit im System.

An Astronaut’s Guide to Life on Earth – Chris Hadfield
Mal ehrlich, was wissen wir schon über Astronauten? Meist sehen wir sie nur kurz vor dem Start und nach der hoffentlich erfolgreichen Rückkehr zur Erde. Chris Hadfield änderte die Wahrnehmung jedoch während seiner Monate auf der ISS, als er mit Videos und Tweets für viel Aufmerksamkeit sorgte. Doch sein Weg ins All beginnt lange davor, im Alter von neun Jahren. Dabei war noch gar nicht abzusehen, dass das zweitgrößte Land der Erde jemals würde Menschen ins All schicken. Der dreifache Familienvater stellt vor allem im ersten Drittel des Buches glaubhaft dar, dass ein Spaziergang im Weltall zwar sein größter Traum gewesen sei, er seine positive und fokussierte Grundeinstellung zum Leben aber auch dann beibehalten hätte, wäre es nicht dazu gekommen: „Das Leben ist einfach besser, wenn man zehn Mal am Tag ein kleiner Gewinner ist, als einmal in zehn Jahren einen großen Sieg zu erringen“. Dennoch hielt er sich mit der Übernahme immer neuer Aufgaben bei NASA und ROSCOM jederzeit dafür bereit, ins All zurückzukehren. Hadfield konnte deshalb mit Shuttle, Mir und ISS Weltraumgeschichte schreiben – und belohnt seine LeserInnen mit beeindruckenden Sichtweisen zum Leben auf der Erde und vielen praktischen und motivierenden Tipps zur Gestaltung des eigenen Alltags.

Mroskos Talente – Ronald Reng
Schon nach wenigen Seiten der Lektüre wurde ich skeptisch: Wie schafft es Reng jedes Mal, derart einfühlsame Porträts über ganz besondere Menschen zu verfassen? Sollte das am Ende etwa eine Eigenart des Autoren sein, so wie ein leckerer Zuckerguss den herausragenden Kuchen noch veredelt? Doch schon sehr schnell vertrieb die Geschichte um den Berliner Lars Mrosko, der eher aus Langeweile auf die schiefe Bahn gerät und dann plötzlich doch noch Scout bei Bayern, St. Pauli und Wolfsburg wird, meine Sorgen um fehlende Authentizität. Der Autor erzählt vom wahren Leben – durch das Brennglas von Mrosko hindurch betrachtet. Ich kann beispielsweise durch meine langjährige Tätigkeit bei Volkswagen gut nachvollziehen, wie die Konzernstrukturen bei der Fußballtochter auf den mitunter sensiblen Mrosko gewirkt haben müssen. Reng erzählt derart spannend von Mobbing, Machtgehabe und Geprahle in der Fußballwelt, das daraus – trotz des biographischen Ausgangspunktes – ein echter page-turner wird.

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