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Gelesen 2016

Aller guten Dinge sind bekanntlich drei, und deshalb findet die „Gelesen“-Reihe des Medienlotsen 2016 nun bereits zum dritten Mal statt. Wie schon in den Vorjahren (2014, 2015) werde ich hier in lockerer Reihenfolge meine Lektüre-Eindrücke (ausschließlich Romane, keine Sachbücher) niederschreiben und einen besonderen Augenmerk auf die ÜbersetzerInnen legen, die uns fremdsprachige Literatur oftmals erst näher bringen. Und wer glaubt, dass „Gelesen“-Konzept schon mal irgendwo gesehen zu haben, liegt richtig, denn meine Reihe wurde von Autor und Blogger Maximilian Buddenbohm inspiriert, der regelmäßig seine Lektüre im Netz vorstellt.

 

Krieg und FriedenLew Tolstoi (Übersetzung)

Was hatte ich vorher nicht alles für Horrorstorys über dieses Meisterwerk gehört: Knapp 2000 Seiten und 500 Charaktere, seitenlange Beschreibungen von militärischen Taktiken und – was wir heute als „Rant“ bezeichnen würden – Gedankengänge zum Schicksal im Besonderen und Historikern im Allgemeinen. Einiges davon traf auch zu, vieles jedoch nicht. Insbesondere der erste Teil in der von Barbara Conrad hervorragend übersetzten Fassung überzeugt durch eine unnachahmliche Eleganz im Vorantreiben der Handlung sowie dem Zeichnen neuer Charaktere. Wer sich auf die Welt des russischen Adels am Vorabend des Falls Moskaus 1813 und auf Bällen, Jagdausflügen und Gewaltmärschen wiederfinden einlassen mag wird – trotz aller Unkenrufe (siehe oben) bestens unterhalten. Leider fällt der zweite Teil diesbezüglich ein wenig ab und das wenig romanhafte an „Krieg und Frieden“ tritt zum Vorschein. Tolstoi verstand sein Werk nicht nur als Erzählung, sondern wohl auch als Bericht zur russischen Seele und als Äußerung zur Bildung von historischen Mythen und Legenden. Ein auf jeden Fall lesenswertes Buch, welches für mich aber ein klein wenig hinter „Anna Karenina“ zurücktreten muss.

 

SchachnovelleStefan Zweig

Ich glaube, das letzte Mal mit Novellen habe ich mich in der Schule beschäftigt. Wie im Genre üblich, gibt es auch hier eine Rahmenhandlung (Fahrt auf Kreuzfahrtschiff, kleines Schachturnier). Die eigentliche Geschichte bildet jedoch Dr. B., der dem Erzähler von seiner Isolationshaft in Österreich nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten berichtet. Um nicht dem Wahnsinn anheimzufallen, stiehlt er aus der Uniform eines Peinigers ein Buch, welches sich als Schachlehrbuch entpuppt. Im Laufe der folgenden Tage und Monate lernt B. das Spiel und historische Partien in- und auswendig. Das geht sogar so weit, dass er im Kopf gegen sich selbst spielt – bis zur Persönlichkeitsspaltung und Unzurechnungsfähigkeit, die ihm schließlich das Leben rettet. Zwings Meisterleistung besteht darin, auf nur wenigen Seiten eine derart dichte Erzählung zu entfalten, dass man sich fast selbst im Verhörzimmer zu sitzen glaubt. Eine einmalige Leseerfahrung!

 

Diese gottverdammten TräumeRichard Russo (Übersetzung)

Auf Englisch ist dieser Roman unter dem Titel „Empire Falls“, welches auf der Ort der Handlung ist, bekannt. Ausnahmsweise ist aber einmal die deutsche Betitelung die bessere, denn der frisch geschiedene Miles hätte – wenn es nach seiner Mutter gegangen wäre – eine glänzende akademische Karriere hinlegen müssen. Stattdessen steht er seit mehr als 20 Jahren täglich hinter dem Tresen in seinem Restaurant und muss die Launen seiner Gäste (darunter sein notorisch klammer Vater Max, die pubertierende Tochter sowie die Ex-Frau nebst neuem Liebhaber) ertragen. Über allem schwebt Mrs. Whiting – Witwe des größten Unternehmers der Kleinstadt und als Besitzerin des Diners auch die Chefin von Miles. Russo (und seine Übersetzerin Monika Köpfer) entfaltet mit viel Gefühl, Tragik und auch ein wenig Augenzwinkern ein Panorama der Vergänglich- und Vergeblichkeit vor dem Hintergrund des technischen und gesellschaftlichen Wandels. Absolute Empfehlung!

 

Zeitgruppe Null – Dirk Bathen

Kriminalromane sind ja nicht gerade mein Steckenpferd, aber wenn sich mit Dirk Bathen ein befreundeter Co-Worker aus dem Betahaus Hamburg unter die Autoren wagt, gestatte auch ich mir gerne einen genaueren Blick. Die Story ist schnell erzählt: Nach einem Amoklauf stößt Kommissar Felix Breidel bei seinen Ermittlungen auf die Firma BraInfluence, die leistungsfördernde Mittel herstellt. In einem Subplot verschwören sich der Geschäftsführer der Firma und oppositionelle Politiker, diese Substanzen künftig per Klimaanlagen und sonstigen Gerätschaften unter die arbeitende Bevölkerung zu bringen – Steigerung des BIP und Ablösung der Regierung inbegriffen. Dabei schrecken die Verschwörer auch vor Mord nicht zurück – oder ist etwa alles ganz anders? Leider lässt Bathen die Leser am Ende seiner Story (oder auch: Kritik an der immer leistungsverliebteren Gesellschaft, die alle Mittel in Kauf nimmt, um das Ziel von möglichst vielen €€€€€€ schnell zu erreichen) mit der Auflösung ziemlich allein. Vermutlich wäre dem Autor ein anderes Genre zuträglicher gewesen, denn das Buch strotz nur so vor (lethargischen) Aphorismen auf unsere modernen Zeiten. In diesem Sinne begeben wir uns also in eine „endlose Gegenwart, die die undankbare Aufgabe hat zu glauben, dass ab morgen alles besser wird.“

Cahlenberg – Bernd Schirmer

Zunächst interessierte mich das Buch nur aus einem einzigen Grund, denn in Hannover durchwanderte ich oft die Cahlenberger Neustadt, einem wunderschön gelegenen Teil der Stadt zwischen dem Zentrum und den von außen so oft verlachten und dennoch vorhandenen Schönheiten der niedersächsischen Landeshauptstadt. Doch darum geht es in diesem Text von 1989 nicht: Der Erzähler, ein ehemaliger Zeitungsredakteur, der nun erfolglos an einer Dissertation über Rousseau laboriert, tagträumt sich im Lesesaal nach Cahlenberg. Ob dieser Ort nun real ist oder als bitterböse Chiffre für die dahinsiechende DDR steht, bleibt bei Schirmer lange unklar. Mehr als 25 Jahre nach dem Mauerfall liest sich dieses Motiv wie eine etwas naive Aussteiger-Sehnsucht, doch das schmälert den Lesegenuss überhaupt nicht. Der Autor versteht mit wenigen, bitterbösen und lakonischen Worten interessante und sympathische Charaktere zu erschaffen, die ihrerseits ein Panoptikum der ostdeutschen Gesellschaft am Ende der 90er Jahre illustrieren: hier der heruntergekommene ehemalige Außenwirtschaftler, dessen Frau sich vermeintlich nach Cahlenberg aufgemacht hat; dort der erfolglose Theaterregisseur, dem kurz vor einer Romeo & Julia-Inszenierung die jungen Schauspieler abhanden kommen. Schirmer – der später Drehbücher für ZDF-Vorabendserien schrieb – bewegt sich hierbei auf einem sprachlich hervorragenden Niveau, dass leider schon nach knapp 200 Seiten schon wieder vorbei ist.

 

Quantum Dawn – Thore D. Hansen

Vordergründig geht es um einen Mord in der Finanzwelt, doch Scotland Yard-Ermittlerin Rebecca Winter glaubt nicht an simple Theorien. Nervig für ihre Vorgesetzten und auch die Leser, bohrt sie ewig nach und stößt zusammen mit dem schillernden BND-Beamten Erik Feg auf einen monströsen Plan: Eine Clique von desillusionierten Finanzmagnaten und Wirtschaftslenkern hat einen Algorithmus entwickeln lassen, der das Zeug hat, die Grundfesten der kapitalistischen Gesellschaft zu zerstören. Doch das System schlägt zurück – und beseitigt alle, die ihm in die Quere zu kommen scheinen. Hansen glänzt mit viel Insiderwissen aus der Finanzwelt – er arbeitete während der Finanzkrise 2008 mit den größten Verursachern zusammen – doch ein rechter Fluss mag beim Lesen nicht aufkommen. Der Autor hetzt seine Protagonisten durch halb Europa, doch die Story bleibt dabei irgendwie auf der Strecke. Immerhin zeigt „Quantum Dawn“ einem größeren Publikum die Vorgänge hinter den Kulissen der Finanzwelt – was allerdings schon seit Jahren in kritischen Blogs und Publikationen abseits des Mainstreams zu erfahren war.

 

Westküstenblues  – Jean-Patrick Manchette (Übersetzung)

Eigentlich lese ich keine Krimis, aber zu meinem Geburtstag lag das Buch dann plötzlich mit auf dem Gabentisch. Wie so oft, beginnt die Geschichte harmlos: Georges Gerfault befindet sich mit seiner Familie in der Sommerfrische, als ihn plötzlich zwei Unbekannte am Strand ertränken wollen. Der Macho setzt sich zur Wehr – und Manchette bringt die rasante Story mit präzisen Beschreibungen, knappen filmischen Dialogen und zwei parallelen Handlungssträngen so richtig in Fahrt. Das liest sich völlig anders als in klassischen Detektivgeschichten, denn es gibt weder für die Killer noch Gerfault Erlösung – sondern nur Gewalt und Tod. Dass Gerfault nach der lebensbedrohlichen Hatz so einfach in sein bürgerliches Leben zurückkehrt und auch von der verstoßenen Ehefrau wieder mit offenen Armen empfangen wird, mag aus heutiger Sicht zu simpel erscheinen. Nicht zu Unrecht ist Manchette mit diesem und anderen Romanen zum Wegbereiter einer neuen Generation französischer Krimiautoren geworden. Dank der vorzüglichen Übersetzung von Stefan Linster können wir das auch noch heute nachvollziehen.

 

Das Bett: RomanMartin Mosebach

Stefan Korn kehrt nach dem Krieg in seine Heimatstadt Frankfurt zurück, um ein paar der familieneigenen Fabriken zu inspizieren. Das glaubt zumindest seine herrschsüchtige Mutter Florence, doch der Filius legt sich stattdessen faul in das nicht nur sprichwörtlich gemachte Bett seiner alten Kinderfrau Agnes. Mit seiner Lethargie gewinnt Stefan überdies auch noch das Herz der Tante des Erzählers – der es vermag, aus einem einzigen Nebensatz in völlig neue Zeitsphären, Anekdoten und Handlungsstränge einzutauchen. Das ist sprachlich große Kunst (und Turnerei), die Mosebach verführt. Nur manchmal schießt er dabei übers Ziel hinaus und fast immer ist das ein purer Lesegenuss: pointiert und anregend.

 

Herr der Krähen – Ngugi wa Thiong’o (Übersetzung)

Afrika – der Kontinent ist für Europäer wie mich vor allem immer noch eine Menge Klischees aus zahllosen Korrespondentenberichten und eine Menge Nicht-Wissen. Umso besser, dass dieser fulminante Roman einen fiktiven, aber dennoch wohl pointierten Blick auf afrikanische Gesellschaften liefert: Hier der despotische Herrscher, der keine Mittel scheut, auch die eigene Ehefrau wegen Majestätsbeleidigung in die Verbannung zu schicken und sich mittels „Marching to Heaven“ – einem Turmbau zu Babel – ein weiteres Denkmal seiner Macht, Weisheit und Güte setzen will. Dort der hervorragend ausgebildete und dennoch chancenlose Kamiti, der bei der Arbeitssuche erst gedemütigt wird und dann vor der Polizei – die ihn für einen Staatsfeind hält – fliehen muss. Als er sich am nächsten Morgen in der Hütte von Nyawira wiederfindet – ist der Mythos vom „Herr der Krähen“ geboren. Während das Volk sich am neuen Wahrsager erfreut, bekämpft der Herrscher ihn als Verantwortlichen für die Bildung von zwei Arten von Warteschlangen im Zusammenhang mit seinem biblischen Turmbau: die eine Schlange sucht Arbeit, die andere bietet Schmiergeld, um vom Projekt zu profitieren. Das hört sich bizzar an, ist jedoch jederzeit einfühlsam und federleicht zu lesen (hervorragend übersetzt von Thomas Brückner).

 

Das Buch der Kinder – A.S. Byatt (Übersetzung)

In diesem Roman bleibt lange unklar, wohin die Reise eigentlich geht. Zu Beginn ist Phillip, Ausreißer aus dem East End, Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Durch glückliche Fügung kommt er in den Haushalt der großbürgerlichen Wellwoods, und wir als LeserInnen erleben mit ihm zusammen ein rauschendes Mittsommerfest, bei dem schillernde Persönlichkeiten aus ganz Europa erscheinen und durch Theateraufführungen, Kostüme und Lieder inspiriert werden. In der Folge webt Byatt behutsam weitere Charaktere in ihre großartige Erzählung ein und entwirft so ein Bild von europäischen Gesellschaften am Vorabend der Urkatastrophe, dem 1. Weltkrieg. Mitunter finden sich jedoch Passagen, die eher wie ein Referat wirken, wenn beispielsweise die Pariser Weltausstellung oder die Suffragetten-Bewegung gestreift werden. Auch nur deshalb musste ich beim Lesen der Übersetzung von Melanie Walz, öfter mal an die Trilogie von Ken Follet denken. Ansonsten ist das „Buch der Kinder“ aber klar besser.

 

Petersburg –  Andrej Belyi (Übersetzung)

Wie eigentlich fast alle russischen Autoren, ist auch Belyi harte Kost. Der mit Symbolen überbordende, in Traumsequenzen abgleitende Roman spielt im vorrevolutionären Petersburg des Jahres 1905 und selbst für historisch bewanderte LeserInnen dürfte die Entschlüsselung sehr mühsam bleiben. Gerne hätte ich diesen ersten modernen russischen Roman ein wenig länger gelesen, doch die nur sehr langsame Konfliktentfaltung zwischen Vater/Sohn, Stadt/Land und Verstand/Emotion strapaziert eher. Gute Kunst muss zwar genauso sein, diesmal jedoch nicht zu meinem Gewinn.

 

Der Dekan – Lars Gustafsson (Übersetzung)

Der schillernde Spencer C. Spencer berichtet uns aus einer heruntergekommenen Pension am Rande der Wüste von seinen Erlebnissen an einer texanischen Universität. Dort wirkte er im Büro des schillernden Dekans, einer Art grauen Eminenz des Studienbetriebes und trotz einer Kriegsverletzung in Vietnam mit allen Wassern gewaschen. Und dann ist da noch die mysteriöse Studentin Mary Elizabeth, die dem Erzähler den Kopf verdreht, dann für ein Jahr verschwindet oder doch mit dem reichen Cousin Spencers durchgebrannt ist. An dieser Stelle zerfasert das von Hans Magnus Enzensberger, Hanns Grössel und Verena Reichel übersetzte Werk inhaltlich ein wenig, rückt sprachlich jedoch immer wieder in philosophische Sphären vor. So heißt es: „Das ist das Interessante am Leben, daß alle es so bekommen, wie sie es haben wollen. Früher oder später bekommen sie genau das, was sie haben wollen. Aber das setzt natürlich voraus, daß sie etwas wollen“ oder: „Normale Zeit besteht ja aus einem »Jetzt«, umgeben von einer Vergangenheit, die nur aus Erinnerungen gebildet wird, und einem »Gleich«, einer unsicheren Zukunft, die eigentlich nur aus verschiedenen Erwartungen oder von der Vergangenheit hervorgerufenen Befürchtungen erwächst.“

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