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rp13 – So war’s

Eigentlich passte mir meine erste re:publica so gar nicht in den Kram. Als Freelancer bedarf es schon einiger Vorplanungen, um mal drei Tage komplett abzuschalten und Kunden Kunden sein lassen. Obwohl mich das Programm nicht vom Hocker riss, freute ich mich auf die Tage in der Hauptstadt, denn ich war mir sicher, viele bekannte Gesichter aus Hamburg wiederzusehen. Ich war aber auch ziemlich gespannt, wieviele neue spannende Personen ich kennenlernen würde. Anstelle eines globalen Rückblicks präsentiert der Medienlotse noch einmal die Sessions die er besuchte, nun ergänzt um seine Eindrücke. (Sofern Videos zu den Sessions vorliegen, sind diese verlinkt).

Montag, 6.5

12.15-13.15, Aufruf zum metakulturellen Diskurs
Dueck konnte meinen Erwartungen leider nicht gerecht werden. Erst fühlte ich mich in eine Comedy-Sendung versetzt, als das kleine nuschelnde Männchen auf die Bühne tapste und mit der Technik kämpfte. Natürlich macht es immer Sinn, über den Tellerrand zu blicken, doch dafür gehe ich nicht auf die re:publica, um mich von einem unterhaltsamen Ex-Manager belehren zu lassen. Immerhin lernte ich ein neues Wort: Ethnozentrismus. Damit ist eine Sicht der Dinge gemeint, in welche die eigene Gruppe der Mittelpunkt von allem ist und alle anderen Meinungsäußerungen mit Bezug darauf gewertet werden. Als Dueck schließlich zum Hauptteil kam, ging ich schon wieder: Um den Übergang in die Wissensgesellschaft zu illustrieren und die Notwendigkeit für ein neues Menschenbild herauszukehren, nutzte er Spiral Dynamics – ein Konzept welches mir schon seit längerem bekannt ist.

13.30-14.30, Code Literacy – Verstehen, was uns online lenkt
Hier wurde es schnell sehr voll, doch der Raum leerte sich, als klar wurde, das hier der Versuch eines Workshops unternommen wurde. So fanden sich auch nur eine Handvoll Teilnehmer, die jeweils über die notwendigen Code-Kenntnisse von Politikern, Müttern, Netzaktivisten und Jugendlichen reden wollten. Leider war die Qualität der Arbeitsergebnisse sehr unterschiedliche und einige Teilnehmer hörten sich bei der Abschlusspräsentation wohl auch sehr gerne reden, sodass die Session in Zeitnöte geriet. Trotzdem wurde deutlich, dass mit der Digitalisierung mehr gemeint ist als „nur“ Technik und IT, denn erstere betrifft zunehmend alle gesellschaftlichen Bereiche. Erfreulicherweise wurde noch festgestellt, dass Medienkompetenz insbesondere für Jugendliche wichtiger sei als Programmierkenntnisse.

14.45-15.45, YouTube – zwischen Wildwest und Goldgrube
Definitiv eines der Highlights des ersten Tages. Die Session von Bertram Gugel und Markus Hündgen strotzte nur so vor Informationen. Sicherlich wussten nur die wenigsten, dass YouTube in Deutschland bei den Mitgliederzahlen mittlerweile vor Facebook liegt und die 12-18-jährigen innerhalb einer Woche zu 95% das Videoportal nutzen, nur 68% jedoch Facebook. Mittlerweile haben auch TV-Sender und andere Mediennetzwerke die Potenziale erkannt, doch es braucht Zeit, sich eine Community aufzubauen. So wurde nur einer der Topkanäle nach 2008 ins Leben gerufen. Spannend wird auch die Einführung von Paid Content bei You Tube. Schon jetzt Helfen Fans ihren Stars, indem sie die vorgeschaltete Werbung bewusst anschauen, um Umsätze zu generieren.

16.00-17.00, Finanzblogs: Intellektuelle Elite oder verständliches Massenmedium?
Ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten: Thomas Knüwer interviewte ich kürzlich für den Next Media-Blog; Ulli Hegge war vor einiger Zeit mal mein Gast im Social Media Club Hamburg. Doch mehr Neues lernte ich nicht. Zwar bemühte sich Jeannine Michaelsen, vielen vielleicht noch bekannt als EM-Twittermädchen vom ZDF, Wissen zu transportieren, doch schnell driftete die Session in eine Werbeveranstaltung von comdirect ab. Natürlich muss die re:publica auch Geld verdienen und Sponsoren Raum geben, jedoch nicht indem man sie sich selbst überlässt.

17.15-17.30, Zivilkapitalismus. Wir sind die Wirtschaft
Auch wenn Wolf Lotter die meiste Zeit seines Vortrages nur vom Blatt ablas und weite Teile seines Buch-Manuskriptes vortrug, wusste der Brand Eins-Mitgründer zu fesseln. Sein Konzept vom Zivilkapitalismus scheint eine echte Alternative zu sein. Kurios: Noch während Lotter vortrugt, retweetete sein Account Meinungsäußerungen der Anwesenden. Das im Herbst erscheinende Buch kommt definitiv auf meine Shortlist.

17.30-18.45, Immer dieses Internet
An diesem Punkt griff meine erste spontane Programmänderung. Die Ankündigung dieser Session war so interessant, dass ich nach Lotter gleich sitzenblieb, um den alten SPEX-Philosophen Diedrich Diederichsen und Digitalikone Mercedes Bunz zu lauschen. In einem kurzweiligen Gespräch umkreisten beide den Status Quo des Internets. Einziger Wehmutstropfen war die als Frage getartne Anklage, dass es sich bei dieser Session nicht wie angekündigt um ein Gespräch, sondern eher um ein Interview gehandelt hätte. Als ob das einen Unterschied macht…


Dienstag, 7.5

10.30-11.00, 10 tips to grow your Positive Entrepreneurial Energy
Schon als Catherine Barba in den vollen Raum kam, strahlte ihre positive Präsenz auf viele Besucher aus. Obwohl sich ihre 10 Tipps vornehmlich an Entrepreneure richten, können viel mehr Menschen damit etwas anfangen. Zu den wichtigsten Ratschlägen der Unternehmerin zählt, bereit zu sein, Risiken einzugehen, sich mit positiven Menschen zu umgeben und den richtigen Mentor auszuwählen. Triebfeder hinter all dessen sollen nicht etwa Geld, Erfolg oder Ruhm sein, sondern: „Life is short“, verkündete die Französin. Schade, dass die Sessions auf Stage 6 und 7 nicht aufgezeichnet oder bisher noch nicht hochgeladen wurden.

11.45-13.00, Das Ende der Arbeit – Wenn Maschine uns ersetzen
Wieder eine Änderung im Programmablauf, die sich aber ordentlich gelohnt hat. In seinem Vortrag stellte Johannes Kleske von Third Wave Berlin zunächst sein Gedankenmodell vor (Observe – Orient – Decide – Action), ehe es näher in die Thematik ging. Schon jetzt sorgt der maschinenbasierte Aktienhandel immer wieder für große Aufregung, wenn es zu Minicrashes kommt  und die Maschinenproduktivität wird weiter exponentiell wachsen. So scheinen sich zwei Richtungen ausmachen zu lassen: Auf der einen Seite die Maschinenstürmer, denen die Borg gegenüberstehen, die jedweden technischen Fortschritt unüberlegt bejubeln. Kleske forderte zudem ein Vokabular für das 21. Jahrhunderts und stimmte seine Zuhörer darauf ein, dass die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine sicher kommen. Falls ThirdWave noch Freie sucht: Ich habe Interesse!

13.45-14.45, Browser Fingerprinting: Tracking ohne Spuren zu hinterlassen
Henning Tillmann stellte hier seine Abschlussarbeit vor, deren Ergebnisse er im Sommer auch der breiten Internetöffentlichkeit zugänglich machen will. Browser Fingerprinting ist ein weiterer Weg neben Cookies, um User und deren Transaktionen im Netz zu tracken. Daneben gibt es aber auch Flashcookies und Cahcegrafiken, die derlei Profile erstellen können. Tillmann wies nach, dass sich User zu 93% schon anhand ihrer installierten Plugins einwandfrei identifizieren ließen. Bester Schutz gegen Browser Fingerprinting soll eine Virtuelle Maschine mit einer Standardkonfiguration sein, doch es gibt auch positive Einsatzmöglichkeiten, etwa im Banking.

15.00-16.00, Life with extra Senses – How to become a Cyborg
Ja, scary war es schon, als Harbinson seine Pläne für die kommenden Jahre vorstellte: Erst will er sich seinen Farbumwandler in den Körper tranplantieren lassen, ehe dann im kommenden Jahr eine Aufladung der Batterie durch den eigenen Körper erfolgen soll. Schnell wurde jedoch deutlich, dass Harbinson mit seiner Partnerin vorallem künstlerische Einsatzmöglichkeiten ihrer Entwicklungen suchen. So vermag der Cyborg zu jeder Person eine individuelle Melodie zu erstellen, in dem er Augen, Mund und Gesicht abscannt.

16.15-17.15, Debunking Conspiracy Theories
Zu dieser Session kam ich leider erst, als ich auf Twitter davon las, während ich mich bei den Robot Ethics langweilte. Zunächst für etwas Verwirrung sorgte die Tatsache, dass die Session auf Englisch angekündigt, dann aber auf Deutsch gehalten wurde. Inhaltlich ging es u.a um die Bilderberger und Chemtrails. Trotz mehrerer Nachfragen aus dem Publikum konnten Anna Groß und Johannes Baldauf keine Blaupause im Umgang mit Verschwörungstheorien bieten. Stattdessen empfehlen sie die mühsame Kärrnerarbeit, jeden Fakt einzeln zu entkräften.

 

Mittwoch, 8.5

10.00-11.00 3D Printing: (How) can we make it a third industrial revolution?
Zunächst ging es im Eingangsvortrag von Pete Troxler gar nicht um 3D-Printing, sondern um industriellen Wandel. Troxler zeigte, dass bei einem Zusammenspiel von Wandlungen im Energie- und Kommunikationssektor fast zwangsläufig eine neue industrielle Revolution bevorsteht. Im Gegensatz zu ihren beiden Vorgängern wird die kommende dritte Revolution aber nicht von oben herab, sondern vor allem vertikal und regional verlaufen. Noch ist nicht klar, was die nächsten Key-Icons des Wandels für Verkehr, Städte und Gesellschaft werden, sicher ist jedoch, dass sich mittlerweile der Prosumer herausbildet, der neben dem Konsum auch Dinge erschafft, bsp. in 3D-Werkstätten. Die folgende Diskussion sparte ich mir, denn hier dominierten schlechtestes Englisch und wieder mal viel zu viel Eigenwerbung einer Panelteilnehmerin.

11.15-11.45, Lernen Lernen lernen im persönlichen Lernnetzwerk. Wie im digitalen Zeitalter eigensinnig und gemeinsam gelernt wird
Leider nicht wie erwartet ein Highlight, sondern eine Enttäuschung. Zwar war es beachtlich, dass sich mit Lisa Rosa eine Praktikerin (Lehrerin) dem kritischen Publikum stellte, aber was sie vortrug, erinnerte eher an ein Uni-Seminar. Noch bevor der kurze Abriss der Pädagogikgeschichte abgeschlossen war, hatte ich schon das Weite gesucht. Wieder also mal ein klassischer Fall, wo die Verpackung anders war als der Inhalt.

13.45-14.45, Wie das Internet literarisches Schreiben verändert
Noch wirrer wurde es bei diesem Vortrag, den weder Frederic Valin noch der auf Twitter als Vergrämer bekannte Jan-Uwe Fitz sonderlich vorbereitet zu hatten schienen. Während ersterer noch mit den Spätfolgen seiner Erwerbstätigkeit zu kämpfen hatte und mehr mit seinen vielen Zetteln herumraschelte, denn dem Sessiontitel gerecht zu werden, kommentierte der Vergrämer seinen Aufstieg vom Twitterer zum Buchautoren mehrfach mit Äußerungen wie „Das hat sich einfach so entwickelt“. Und da ich die Vergrämer-Sprüche auch wirklich nicht lustig fand, war das die dritte Session an diesem Tag, die ich vorzeitig verließ.

15.00-16.00 It’s not a fax machine connect to a waffle iron
Zum Glück hielt Cory Doctorow, was ich mir versprochen hatte: Ein kraftvolles, intelektuell anregendes Plädoyer für ein freies Internet. Wahre Jubelstürme durchfegten Stage 1, als der BoingBoing-Autor dazu aufrief, von der Telekom einen Gewinnanteil für die Kabel einzufordern, die vor der eigenen Haustür lägen. Sollte der Konzern dieser Forderung nicht nachkommen, blieben ihm 90 Tage, um den Kupfer aus der Erde zu entfernen. Bis dahin empfahl Doctorow der Netzgemeinde jedoch, die Mittel von Information und Kommunikation zu erobern, um den Planeten zu befreien. Das klingt nicht nur revolutionär, sondern war auch genau so gemeint.

 

Fazit

Die re:publica 2013 war nicht zuletzt durch die große Bandbreite an Themen (und damit auch Alternativen zu enttäuschenden Sessions) interessant. Dennoch stellte sich bei mir am dritten Tag so etwas wie Lagerkoller ein. Andere Konferenzen – beispielsweise MLOVE (Disclaimer: Kunde von mir) – machen das deutlich besser, indem sie vorallem bei der Abendgestaltung kreativer sind. Dass ist für 5.000 TeilnehmerInnen auch gar nicht möglich, aber eventuell sollte die Konferenz wieder ein wenig kleiner werden, anstatt nach neuen Rekorden zu schielen. Auch beim Networking verliert die re:publica und verzichtet auf Tools wie Bizzaboo oder PeopleHunt, um Leben in die Bude zu bringen.

 

Bildnachwis: klisch

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