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Das Internet macht dumm. Nicht.

Twitter ist für die einen wahlweise die Klowand des Internets, für andere wiederum eine gefährliche Droge oder einfach nur die beste Lernmaschine. Derartige Kulturkämpfe rund um das weltweite Netz werden immer wieder mit harten Bandagen geführt. Deshalb wirft der Medienlotse nun seinen Hut in den Ring und räumt mit Vorurteil auf, das Internet mache dumm.

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Das Internet macht nicht dumm. Aber Zettelkataloge kosten viel Zeit.

Unser Gehirn verändert sich
Eine der größten Gefahren, so sind sich Wissenschaftler und Zeitungspublizisten einig, besteht darin, dass das Internet zusammen mit seinen verlockenden Angeboten unsere Hirnstruktur verändere. Das Hauptargument dabei lautet, dass Menschen ihr Wissen nicht mehr im Kopf vorhalten würden, sondern mittlerweile nur noch zu wissen bräuchten, wo sie dieses bekommen könnten. Ganz ähnlich lautete vor mehr als zehn Jahren auch die Einführung bei meinem Proseminar zur Bibliotheksrecherche. „Ein Historiker muss nicht jede Schlacht und jedes Ereignis im Kopf haben, er muss nur wissen, wo er danach suchen muss“, verkündete die schwarzbezopfte Studentin aus dem Hauptstudium damals. Die Bibliothek hatte gerade von der mühsamen Suche in Zettelkästen auf ein Onlinesystem umgestellt, welches die Recherche nach Schlagworten ermöglichte.

Pseudowissenschaftliche Ergebnisse
Dennoch geben sich die Gegner des Internets nicht so leicht geschlagen und bemühen immer wieder vermeintlich wissenschaftliche Untersuchungen, die eine Veränderung der Gehirnstrukturen im Umgang mit dem Internet nahelegen. So sollten Studenten in Harvard 40 Bagatellaussagen in einen Rechner tippen. Der Hälfte wurde gesagt, die Daten würden gespeichert, die andere ging von einer Löschung aus. Zur Freude der Wissenschaftler und Auftraggeber merkte sich die Gruppe, die mit einer Löschung rechnete, die Daten besser. Doch wie wäre das Experiment wohl ausgegangen, hätten beide Gruppen für das korrekte Memorieren der Aussagen einen finanziellen Bonus bekommen? Rechtfertigung für diese und andere Untersuchungen ist übrigens die simple Fragestellung „Was haben wir früher gemacht, als wir noch kein Internet oder Smartphones hatten und Dinge wissen wollten?“.

Kulturkampf für Schafe
Mit derlei Untersuchungen und Schwarzmalerei lassen sich natürlich vortrefflich Forschungsgelder akquirieren, Bücher verkaufen oder Zeitungsauflagen vor dem Niedergang bewahren. Dabei ist die Änderung der Gehirnstrukturen per se nichts schlechtes, wie wir aus der Kleinkindforschung wissen. Schon Einstein hatte behauptet, dass wir höchstens 30 Prozent unserer Gehirnkapazitäten überhaupt nutzen. Warum also sollten Google, Wikipedia und das Internet plötzlich die Manifestation des Bösen überhaupt sein? Vermutlich sind die Wissenschaftler und Journalisten einfach nur unflexibel oder haben Angst, von den Digital Natives in ein paar Jahren aus dem Job gefegt zu werden. Und was ist aus dem Historiker geworden, der gerade noch um die Suche in Zettelkatalogen herumgekommen ist? Der freut sich, dass er nach über zehn Jahren einen Zeitungsartikel in voller Länger wiederfindet. Nicht im Mülleimer, sondern im Internet.

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