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Paid Content: Journalismus überlebt nur mit echtem Crowdsourcing

Immer mehr Medienkonzerne und freiberufliche Journalisten und Blogger wollen 2010 beweisen, dass sich mit Texten im Internet Geld verdienen lässt. Nach der New York Times und dem Springer-Konzern kündigte nun Sportjournalist Jens Weinreich in seinem Blog an, künftig auf Paid Content umzusteigen. Der Medienlotse untersucht einige Beispiele genauer.

Springer: Komfort statt Mehrwert
Bild-Chefredakteur Kai Diekmann geißelte vor knapp einem Jahr die Kostenloskultur des Internets als „Geburtsfehler“ und untermauerte damit das Bestreben seines Verlages, für lokale Online-Nachrichten künftig Gebühren zu verlangen. Dahinter steht auch eine Art politisches Sendungsbewusstsein, als größter europäischer Verlag endlich den wirtschaftlichen Durchbruch im Internet zu schaffen und dem in den USA grassierenden Zeitungssterben hierzulande entgegenzuwirken. Springer greift mit der Begrenzung seiner Bezahlschranke auf lokale Nachrichten geschickt den Trend zu mehr Regionalität im Netz auf. Allerdings traut der Verlag sich selbst nicht über den Weg und hat eine Hintertür eingebaut: Wer nach Schlagzeilentitel und Abendblatt googelt, bekommt die Texte nach wie vor kostenlos, nur wird die Navigation auf der Seite dadurch mühsamer.

Weinreich: Subventionierung von Qualitätsjournalismus
Auf seine große Online-Leserschaft vertrauend, kündigte der Sportjournalist Jens Weinreich gestern in seinem Blog an, künftig Gebühren zu erheben. Dabei ließ er offen, um welche Summen oder Pricingmodelle es sich drehen soll und begründete den Schritt damit, eine weitere Einnahmequelle zur Finanzierung seiner mitunter aufwändigen Recherchen innerhalb der internationalen Sportpolitik erschließen zu wollen. In den Kommentaren zum Beitrag entspann sich eine interessante Diskussion, die grob entlang der Argumente von Jeff Jarvis und Chris Anderson verlief: Statt eines festen Betrages, eines Abos oder eine Flatrate sollten die Leser einfach den Betrag bezahlen, den ihnen der einzelne Artikel individuell wert ist.

Flattr: Massenmonetarisierung als Allheilmittel?
Ein Leser wies im Weinreich-Blog auf die schwedische Firma Flattr hin, welches auf die „Thank-You-Economy“ setzt. Anstatt die Leser, Hörer oder Zuschauer von multimedialen Internetinhalten zu einer Gebühr zu zwingen, will das Startup die Journalisten, Musiker, Filmer davon überzeugen, auf eine freiwillige Zahlungsverpflichtung zu setzen. Konkret wird dabei die von den Usern bei Flattr eingezahlte Summe fair zwischen allen Angeboten aufgeteilt, die die User für gut befunden haben. Damit das neue Geschäftsmodell von Peter Sunde, dem Mitbegründer der berühmt-berüchtigten Torrent-Suchmaschine The Pirate Bay auch wirklich erfolgreich ist, bedarf es aber eines radikalen kulturellen Wandels.

Fazit:
Gebühren, Abo, Kosten – diese Begriffe hören Internetnutzer nicht sehr gerne. Von daher ist der Schritt Richtung Paid Content umso mutiger, zumal wenn es sich wie bei Weinreich um eine kleine Fangemeinde im Vergleich zum Traffic der Springer-Seiten handelt. Geht das Experiment nämlich schief, vergraulen beide ihre treuen Leser und gewinnen nur wenig dazu. Andererseits hat das Ansinnen größere Chancen, je mehr die Mitleser bereit sind, etwas für die Marke „Abendblatt“ oder „Weinreich“ aufzuwenden, also der Markenkern betroffen ist. Diese Positionierung fällt natürlich kleineren Seiten viel leichter als großen Konzernen. Natürlich gibt es kein Allheilmittel unter den Bezahlangeboten. Wie im Internet üblich, muss auch hier jeder Seitenbetreiber selbst herausfinden, was er sich und seiner Leserschaft zumutet und wie er sie motiviert, monatlich für seine literarischen Ergüsse etwas abzudrücken. Börsenguru Dirk Müller macht nach Meinung des Medienlotsen perfekt vor, wie es funktionieren kann: Die Leser mit einigen Infos und starker Medienpräsenz anfüttern, danach kommt eine individuelle, aber branchenübliche „Bezahlschranke“.

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  1. Ich frag mich, wie erfolgreich die „Thank-You-Economy“ ist und ob Leute wirklich freiwillig bezahlen. Es gibt sicherlich einige, aber die müssen dann schon sehr begeistert vom Inhalt sein. So lange es im Internet überwiegend alles umsonst gibt, greifen die Leute sicherlich eher darauf zurück, als auf Inhalte, für die sie bezahlen müssen.
    Ich kann verstehen, dass Zeitungen für ihre Inhalte im Internet Geld verlangen, um unter anderem dem Zeitungssterben entgegenzuwirken, aber ich bin z.B. nicht gewillt, auf der Website der FAZ 2 Euro für einen Artikel zu zahlen, wenn ich nicht einmal weiß, ob mir der Inhalt gefällt etc. Wenn man also Artikel der FAZ lesen will, ist man fast gezwungen sich die Zeitung zu kaufen, weil das natürlich viel billiger ist, als 2 Euro pro Artikel zu zahlen. Mal sehen, wie lange es noch „alles“ kostenlos im Internet gibt…

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  2. Bis zur „Thank-You-Economy“ ist es in der Tat noch ein weiter Weg für die Printmedien. Dafür müssten sie sich noch stärker positionieren und ihre Topjournalisten offensiver zur Marke ausbauen, anstatt sie in biederen Presseschau-Runden am Sonntag zu platzieren. Ich kann mir schon vorstellen, dass onlineaffine Kreise das entsprechend goutieren würden und sich daraus eine Erwerbsquelle entwickeln kann.

    Solange viele Zeitungen aber nur Agenturmeldungen verwursten und 0815-Artikel schreiben, die man sich durch drei Internetmeldungen auch selbst ausdenken könnte, ist das Zeitungssterben auch hierzulande eine ernstzunehmende Option.

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